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Eisklettern: Wie man in nur einem Tag ganz hoch hinauskommt

Klettern an gefrorenem Wasser, ein Abenteuer mit eisiger Faszination. Doch was genau macht den Kick dieser Sportart aus? Eine Anfängerin und ein Profi berichten, wie sie die kalte Jahreszeit in der Vertikalen erleben, und zeigen, wie auch du erste Erfahrungen im steilen Eis sammeln kannst.

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Foto: FREE MEN'S WORLD / Daniel Hug

Vergänglichkeit, kalte Hände und intensive Momente

von Anderl Hartmann

Ein massiver Schlauch aus graublauem Eis hängt an einer senkrechten Felswand. Mal schmal, mal breit, mal überhängend und immer wieder von kleinen Terrassen unterbrochen.

Bei genauer Betrachtung sind aus der Ferne zwei bunte Punkte inmitten des überdimensional großen Eiszapfens erkennbar. Ein kräftiger Schlag und die geschliffenen Spitzen der Eisgeräte finden festen Halt im harten Eis.

Den Schlägen der Eisgeräte folgen die Füße. Mithilfe von Steigeisen an den schweren Bergschuhen bahnen sie sich ihren Weg nach oben. Der Ablauf wiederholt sich Hunderte Male – zwei Eiskletterer gewinnen an Höhe.

Elegant, kraftvoll und filigran

Nur sehr kurz im Jahr stehen Wasserfälle still, sind vor Kälte erstarrt und locken erfahrene Alpinisten zu kühnen Kletterabenteuern. Eisklettern bedeutet, einmalige Linien zu klettern, die mit den ersten Sonnenstrahlen wieder gänzlich verschwinden.

Wenn im Winter die Temperaturen fallen, die Berge in ein weißes Kleid gehüllt werden und sich im Sommer sprudelnde Wasserfälle zu einem Stillleben wandeln, schlägt die Stunde der Eiskletterer. Elegante, kraftvolle und zugleich filigrane Bewegungen sind nötig, um mithilfe von stählernen Steigeisen und scharf geschliffenen Eisgeräten an fragilen Gebilden aus gefrorenem Wasser emporzusteigen.

Wer an kalten Wintertagen in finstere Täler reist, kann beobachten, wie Seilschaften an blauleuchtenden Säulen akrobatisch an Höhe gewinnen. Eis und besonders kletterbares Eis benötigt Kälte und viel Wasser. Eine nicht sonderlich wohlige Kombination. Worin also liegt die Faszination für die hartgesottenen Steileisartisten?

Ausreichend Wasser, wenig Sonneneinstrahlung

Für Robert Grasegger, Eiskletterprofi und Bergführer, sind es oft die kalten Hände, die ihm beim Gedanken an seine Abenteuer im Eis in den Sinn kommen. Es überwiegt aber die Magie der facettenreichen Materie und die Faszination, immer wieder neue Linien zu entdecken. Eisklettern und besonders die erstarrte Form des Wassers – für den Garmisch-Partenkirchener Alpinisten Vergänglichkeit und stillstehende Zeit zugleich.

Dort, wo heute das Leben einer Seilschaft im Eis verankert ist, kann in wenigen Tagen wieder munter ein Wildbach den Berg hinabsprudeln. Die Basis für diese Spielart des Alpinismus ist das Vorhandensein solider Eisstrukturen. Gefrorene Wasserfälle, freistehend oder an steile Felswände gelehnt, entstehen nur bei anhaltender Kälte, benötigen ausreichend Wasser in den Tiefen des Gesteins und sollten nur sehr wenig Sonneneinstrahlung abbekommen.

Die idealen Voraussetzungen ­bieten hoch gelegene Täler der Alpen. Nur hier herrschen konstant niedrige Temperaturen, die für das Wachstum stabiler Eisformationen nötig sind.

Nicht jeder Tag, nicht jedes Konstrukt

Aber Vorsicht – üppiges Eis bedeutet nicht immer sicheres Eis!

„Nicht jeder Tag und jedes Eiskonstrukt eignet sich zum Eisklettern. Temperaturschwankungen können in kurzer Zeit die Beschaffenheit der Materie stark beeinflussen und destabilisieren. Ohne ausreichend Erfahrung oder die Expertise eines Bergführers kann der Kletterspaß schnell zu einem lebensgefährlichen Unterfangen werden.

Ein weiterer Risikofaktor, der stark unterschätzt wird, ist die Lawinengefahr. Oft liegen Eiskletter-Spots im Einzugsbereich von Lawinen und können so bei entsprechend angespannter Lawinensituation zu absoluten No-Go-Zonen werden“, erläutert Robert.

Die beiden wichtigsten Hilfsmittel der Eiskletterer sind stählerne Steigeisen an den Füßen und zwei Eispickel in den Händen, in der Fachsprache Eisgeräte genannt. Nur mit diesen Ausrüstungsgegenständen ist die Bewegung im steilen Eis überhaupt möglich. Steigeisen und Eisgeräte werden scharf geschliffen, um leichter in das hart gefrorene Eis eindringen zu können und dem Kletterer sicheren Halt zu geben. Enorm wichtig: der Helm. Herabfallende Eisbrocken sind herabfallenden Steinen gleichzusetzen.

Die Absicherung folgt dem Prinzip der Absicherung beim Felsklettern. Es wird in Seilschaften geklettert. Einer steigt voraus, der andere sichert den Vorsteiger von unten. Der große Unterschied zum Klettern am Fels im Sommer besteht darin, dass im Eis keine dauerhaften Haken zur Absicherung angebracht werden können. Eis verschwindet nach wenigen Wochen wieder, ändert den Aggregatzustand und verwandelt sich in rauschende Bäche.

Eisschrauben sind hier das Mittel der Wahl. Vorn scharf und spitz, um im Eis zu greifen, mit einem Außengewinde versehen und innen hohl. Sie werden von Hand bis zu 20 Zentimeter tief in das Eis gedreht. Mittels Karabiner wird das Seil eingehängt, wodurch ein sicheres Fortbewegen der Kletterer gewährleistet ist. Eisschrauben gehören zu den sogenannten mobilen Sicherungsmitteln. Diese werden nach dem Klettern wieder entfernt und hinterlassen, im Gegensatz zu Bohrhaken im Fels, keine dauerhaften Spuren.

Die beiden bunten Punkte inmitten des riesigen Eiszapfens sind mittlerweile im oberen Drittel angekommen. Eine verschneite Winterlandschaft und eine senkrechte, graue Felswand als Kulisse für das abstrakte Gebilde eines gefrorenen Wasserfalls.

Robert Grasegger als erfahrener Profi und die FREEMEN’s-WORLD-Ski-Expertin Caja Schöpf als blutige Anfängerin kämpfen sich unter großen Kraftanstrengungen nach oben. Während sie Caja im Gesicht abzulesen ist, wirkt Robert bei den Schlägen mit dem Eisgerät entspannt, konzentriert und sehr zielgerichtet. Ihm stecken viele Jahre Erfahrung in den Knochen. Seit dem Jugendalter ist er im Eis unterwegs, hat Touren in den höchsten Schwierigkeitsgraden bezwungen und einige Erstbegehungen zu verzeichnen.

Caja hat mit dieser Spielform des Wintersports bislang kaum Erfahrung. Eisklettern ist für sie Neuland und mit einer gehörigen Portion Nervenkitzel verbunden.

„Eis ist für mich eine sehr spannende Materie. Es fasziniert mich und flößt mir zugleich Respekt ein. Diese riesigen Eisformationen wirken wesentlich instabiler, als sie dann tatsächlich sind. Ich habe etwas Zeit benötigt, um Vertrauen in meine Steigeisen, Eisgeräte und natürlich in das Eis an sich aufzubauen. Nach kurzer Zeit aber hat mich das Eiskletterfieber gepackt.“

Anstrengung und Faszination

Die beiden sind früh am Morgen mit Skiern in ein Tal südlich von Innsbruck aufgestiegen. Es ist klirrend kalt. Nach einer Stunde Zustieg durch verschneite Wälder öffnet sich das ­Gelände und die imposante Formation aus Eis zieht alle Blicke auf sich. Zügig werden die Skischuhe gegen Bergstiefel mit Steigeisen getauscht, der Klettergurt angelegt und die Eisschrauben befestigt. Beide sind in das Seil eingebunden und schon steigt Robert die ersten Meter voraus – elegant und sicher.

Das dumpfe Geräusch der Schläge und Tritte wechselt sich mit dem Knirschen der Eisschrauben ab, die Robert im Abstand von einigen Metern in das Eis dreht. Die beiden gewinnen zügig an Höhe und sind von unten bald nur noch als kleine Farbtupfer auf dem mächtigen Pfeiler aus gefrorenem Wasser zu erkennen.

Das Eis ist senkrecht, mit überhängenden Abschnitten gespickt und die Kletterei äußerst kräftezehrend. Robert bereitet sich wohlwissend der anstrengenden Herausforderungen während des Sommers und besonders in den Herbstmonaten intensiv auf die Eissaison vor. Klimmzüge an den Eisgeräten, ein Kraftzirkel im heimischen Kuhstall und ausdauernde, überhängende Klettertouren im Fels gehören zur Vorbereitung.

Nur mit einem gezielten Trainingsprogramm sind seine spielerischen und kraftvollen Bewegungen in der steilen Eiswelt überhaupt möglich. Für Caja gestalten sich die ersten Meter im Eis als äußerst intensive Erfahrung. Die Hände und Unterarme brennen vom festen Griff an den Eisgeräten. Die Waden sind verkrampft vom Stehen auf den Frontzacken der Steigeisen. Trotz der Anstrengungen aber überwiegt die Faszination des Vorankommens im Eis, in einer mächtigen und doch so fragilen Materie.

Nach seinen Lieblingsspots gefragt, gibt es für Robert zwei klare Favoriten in den Alpen. „Das Langental im Herzen Südtirols ist ein magischer Ort für mich und ein sehr beliebtes Gebiet für Eiskletterer. Steile Wände, steiles Eis und die wilde Umgebung der Dolomiten. Mein absoluter Lieblingsspot ist aber Kandersteg in der Schweiz. Die Eisformationen dort sind unglaublich und die Möglichkeiten für Touren fast unerschöpflich.“

Der erste Schritt

Allen, die neugierig auf das Eisklettern sind, rät er als ersten Schritt zu einem Einsteigerkurs: "Absolut Sinn macht ein Anfängerkurs mit einem Bergführer. Hier werden die Grundlagen und das Basiswissen erlernt. Erfahrung ist im Eis ein ganz wesentlicher Sicherheitsfaktor. In einem solchen Eiskletterkurs lernen die Teilnehmer am Anfang das richtige Anlegen der Steigeisen, Techniken zum Schlagen mit den Eisgeräten und Möglichkeiten der Absicherung. Bereits nach wenigen Tagen im Kurs können ­Anfänger selbstständig die ersten Meter im steilen Eis bewältigen."

Caja schmunzelt erschöpft und zugleich euphorisiert von dieser Erfahrung, als sie Robert im Anschluss an ihren ersten Ausflug ins Eis – offensichtlich körperlich völlig unbeeindruckt – von der Leichtigkeit des Einstiegs schwärmen hört. Sie ist sich trotz guten Trainingszustands sicher, dass sie morgen an Stellen Muskelkater haben wird, von denen sie nicht mal wusste, dass man dort welchen haben kann.

Eine ordentliche körperliche Grundfitness ist definitiv wichtige Voraussetzung, besonders wenn ein Mehrtageskurs absolviert werden soll. Für den bricht jetzt die beste Zeit des Jahres an, denn von Dezember bis März ist in unseren Gefilden Haupt-Eisklettersaison, bevor aus den Eissäulen ab April wieder Wasserfälle werden. Aber selbst wenn die Eisformationen vergänglich sind, die Geschichten von Abenteuern im steilen Eis sind nachhaltig und bleiben selbst an den heißesten Sommertagen in Erinnerung.

Ran ans Eis

Location/Kurse

Du wolltest dich schon immer mal an einer Eiswand versuchen? Dann ist jetzt der perfekte Zeitpunkt des Jahres gekommen. Grundlegende Basics, um anschließend allein weitermachen zu können, erlernst du am besten in einem von Experten geleiteten Kurs.

Für Einsteiger bieten beispielsweise der Eispark Osttirol direkt an der Felbertauernstraße und die Taschachschlucht im Pitztal perfekte Bedingungen. An beiden Locations wird dem natürlichen Wachstum von Eis durch zusätzliche Bewässerung etwas nachgeholfen. Für Anfänger und Kurse kann somit über die Wintermonate hinweg ein stabiles und sicheres Umfeld gewährleistet werden. Zwischen Dezember und März bieten viele Bergschulen und Bergführer Eiskletterkurse für Anfänger und Fortgeschrittene an.

Wer die nötigen Grundlagen dann bereits erlernt hat, kann auf eigene Faust erste Schritte im Eis wagen oder mit einem Bergführer individuelle Traumtouren in Angriff nehmen. Taschachschlucht im Pitztal/Österreich Direkt an der Talstation der Gletscherbahn zum Pitztaler Gletscher findet sich in der Taschachschlucht ein Eldorado für Anfänger und Profis. Mit dem EisTotal findet vom 21. bis 23. Januar 2022 das große Eiskletterfestival im Pitztal statt. Testmaterial, Kurse, Vorträge und alles rund ums Eisklettern.

Eispark Osttirol/Österreich Direkt an der Passstraße über den Felbertauern gelegen und somit äußerst komfortabel erreichbar. Der Eispark Osttirol ist Österreichs größter künstlich geschaffener Eisklettergarten. Sicher unterwegs mit Bergführer Bei Bergführern können Kurse und individuelle Touren gebucht werden. Einsteiger aber auch Fortgeschrittene profitieren vom Wissen und der Erfahrung professioneller und top­­ausgebildeter Guides.

Robert Grasegger: grasegger.robert@gmail.com Martin Sieberer: martin@lensecape.com Ludwig Karrasch: www.ludwig-karrasch.de