Sneaker selbst machen

"Ein paar Materialien, Werkzeug, der Rest ist Handwerk": Zu Besuch bei Sneaker Mono

Marek ist Grafiker und DJ. Darüber hinaus näht der Hamburger in seiner Wohnung eigene Sneaker zusammen. Wie aus einem Versuch eine Leidenschaft wurde.

Sneaker Mono
Marek alias Sneaker Mono Foto: Angelika Watta

Die Hamburger Reeperbahn an einem Donnerstag um 13:12 Uhr, Treffen vor dem Penny, Laugenstange aus der Tüte, ein Smoothie in einer Plastikflasche in der einen Hand, die andere weist den Weg in eine ruhige Seitenstraße, die erst viele Stunden später, wenn die Neonschilder der Bars sie erhellen und die Dunkelheit den gelegentlichen Müll des vergangenen Abends wieder verschluckt hat.

Wir biegen plötzlich ab, schellen und durchqueren ein meterhohes Tor, mit dem man die Trostlosigkeit des Kiezes am Mittag hinter sich lässt und den akkurat bepflanzten Hinterhof der sich aneinanderreihenden Wohnhäuser betritt. Ein Klingen, ein Surren und wenige Momente später begrüßt uns "Sneaker Mono", der sich uns als Marek vorstellt.

"Ich wollte es selbst machen"

Altbau, ein langer Flur, Schuhe aus, die Frage nach dem Glas Wasser und schon stehen wir mitten in dem Raum, der aus Marek in den letzten eineinhalb Jahren Sneaker Mono gemacht hat.

Es ist eine Geschichte, die sich durch die Corona-Pandemie in verschiedenen Variationen vielfach ereignete. Die einen sind aufs Land gezogen, die anderen haben ihren Job gewechselt, wiederum andere eine Trennung vollzogen - sie alle verspürten eine Sehnsucht und hatten genug Zeit, diese zu ergründen.

So war es auch bei Sneaker Mono, der jetzt im Schneidersitz auf der grauen Couch in seinem Wohnzimmer sitzt, zu uns gewandt und mit wachen Augen von seiner Leidenschaft erzählt, die er genau wie viele andere während der Hochphase der Pandemie für sich entdeckte.

Marek ist 36 Jahre alt und arbeitet freiberuflich als Grafiker. Außerdem ist er DJ. Doch als 2020 die Clubs geschlossen waren, konnte er nicht mehr auflegen - und dann wurden Sneaker zu seinem kreativen Output.

Diese begleiten ihn bereits länger. Seit 2006 sammelt er Schuhe, erinnert sich Sneaker Mono genau. "Ich war schon immer superinteressiert an Sneakern, auch als Jugendlicher. Ich habe nur, ehrlich gesagt, nie wirklich die Kohle dafür gehabt."

Stattdessen trug er die Schuhe seines großen Bruders. "Irgendwann habe ich dann mein eigenes Geld verdient - und dann ging es auch los." Er konnte sich Schuhe kaufen, die auch etwas teurer waren. Doch als kreativer Mensch, als Grafiker, wollte er bald mehr als das, was ihm vorgesetzt wurde.

Da gäbe es zwar dieses Programm von Nike, in dem man seine Schuhe personalisieren kann, doch auch da müsse er mit einer Vorauswahl vorliebnehmen. "Da kam irgendwann der Punkt, an dem ich es selbst machen wollte."

Seinen ersten Sneaker malte er an. Doch auch das wollte ihm nicht genügen. Auch damit könne man zwar einen hochwertigen Sneaker neu gestalten, aber sein Look sei das nie gewesen.

"Dann habe ich durch Zufall ein Foto gesehen von einem 'Air Max 1' mit den Logos von A Bathing Ape und Off White". Dann wusste er sofort: Der kam so nie raus. "Es war der Moment, in dem ich gemerkt habe: Den hat jemand selbst zusammengenäht. Das geht."

Was folgte, fasst Sneaker Mono mit einem Post-it zusammen, den er mitten im Gespräch aus seinem Arbeitszimmer holt und auf den Couchtisch vor uns legt.

„How to get good at something. 1. Do it badly 2. Do it again less badly 3. Repeat forever“
Sneaker Mono an seiner Nähmaschine
"Es begann mit dem Anmalen, doch ich habe schnell gemerkt: Mir reicht der Look nicht aus" Foto: Angelika Watta

Ein Satz, an den sich Sneaker Mono in den darauffolgenden Wochen hielt. Lange blieb es jedoch nicht "badly", denn schon mit dem ersten Ergebnis war er zufrieden - und, was sich als noch wichtiger erweisen sollte: Er wusste auch, wie es noch besser geht.

Das funktioniert so wie alles, was man heute neu versuchen will. Man googelt, schaut YouTube-Videos, liest in Foren, googelt wieder, schaut mehr Videos. Irgendwann dann ist die erste Liste mit Materialien und Werkzeugen zusammen, die man für die Umsetzung braucht. Bei vielen scheitert es an diesem Punkt, doch für Sneaker Mono sollte es da erst richtig beginnen:

"Dann bin ich in das Rabbit Hole eingetaucht und habe gemerkt, dass sie es am Ende des Tages auch nur zusammennähen und über eine Leiste spannen. Dann braucht man nur ein paar Materialien, ein paar Werkzeuge, der Rest ist Handwerk."

Und das, obwohl diese Liste der Dinge, die er braucht, nicht kurz ist. Was man denn brauche, fragen wir - und Sneaker Mono beginnt aufzuzählen:

"Ein Paar Originalschuhe für die sogenannte 'Spendersohlen', Material wie Leder und Stoffe, Deko-Fill, um die Materialien zu unterfüttern, Heal Counter zur Verstärkung der Hacke, Toe Puff, um dem vorderen Teil des Schuhs zu verstärken, Schaumstoff für die Zungen und Polsterung, Lasting Boards, auf die die 'Upper' geklebt werden, reißfestes Garn, einen Heißluftfön, einen Dampfreiniger, um die Sohle des 'Spenderpaars' abzunehmen". Und das ist noch nicht alles.

"Nägel, einen Schuster-Hammer, Schuster-Zangen, um das Leder über die Leisten zu spannen, Leisten, Spezialkleber, einen Dremel, um die Kleberückstände von den Spendersohlen zu entfernen, eine Lochzange, scharfe Messer und Scheren, spezielle Stifte mit thermoaktiver Farbe, eine Nähahle, um die Sohle zu vernähen, Korkfüller, Spachtel und eine Nähmaschine, die Leder nähen kann."

Geld und Zeit

Klingt nach einem teuren Hobby - und das ist es auch. Er rechnet es uns vor: "400 Euro für die Pattern und Leisten, etwa 200 Euro für die Materialien, Grenze nach oben ist offen, etwa 150 Euro für die Spendersohle eines gängigen Air Max." Doch auch hier würden die Preise stark nach Größe und Farbe variieren.

Das Produzieren von Sneakern kostet jedoch nicht nur Geld, sondern auch viel Zeit. 40 Stunden braucht Sneaker Mono durchschnittlich für ein Paar Schuhe. Von einem Mindestlohn ausgehend kämen hier noch 480 Euro hinzu. So kommt schnell ein vierstelliger Betrag zusammen. Wobei es natürlich, wie er betont, auch auf das Modell ankommt. "Einen Nike Blazer kann ich schneller machen, weil es weniger und größere Teile sind", erklärt er.

Nähmaschine statt Bücherregal

Darüber hat er also nachgedacht: Wege, mit denen sein Hobby zum Beruf werden könnte. Sein Arbeitszimmer hat er seiner Leidenschaft bereits gewidmet.

Ein Pax-Schrank mit zwei Schiebetüren ist gefüllt mit den Werkzeugen und Materialien, die er für die Anfertigung seiner Sneaker braucht. Zwei Kommoden, ein Schrank, in dem seine Sammlung verstaut ist, die Nähmaschine zwischen Schreibtisch und Schrank platziert. Vorher stand hier ein Bücherregal.

Was jetzt noch Hobby ist, könnte größer werden. Schließlich befinden wir uns in einer Zeit, in der es durch die neuen Medien möglich ist, das, was man tut, nach außen zu tragen, einer Öffentlichkeit anzubieten und in dieser Nische auch Geld damit zu verdienen. In der Selbstdarstellung und der Präsentation der eigenen Ästhetik, des eigenen Stils und - wie in diesem Fall - des eigenen Handwerks scheint es immer in greifbarer Nähe, aus seiner Leidenschaft eine Professur zu machen.

Auch Sneaker Mono lässt seine Kreationen fotografieren, er filmt die Herstellung, teilt auf Instagram die Zusammenschnitte in Form von Reels, spricht mit uns - und hat bereits Ideen, mit denen er personalisierte Schuhe anbieten kann, ohne dass diese in den vierstelligen Bereich gehen.

"Natürlich machen mir die Grafiken auch Spaß. Da komme ich ja eigentlich her. Ich mache auch Bread-and-Butter-Jobs, weil ich Miete zahlen muss. Bei den Schuhen ist es jedoch teilweise so, dass ich mich gar nicht davon losreißen kann, weil es so viel Spaß macht. Deshalb plane ich im kommenden Jahr auch Auftragsarbeiten umzusetzen."

Hier könnt ihr Sneaker Mono auf Instagram folgen.